Herr Wurst stand eines Tages auf. Seine erste Tätigkeit – wie jeden Tag – bestand aus der Tätigkeit, die ihn sein Leben lang verfolgte. Viele Minuten jeden Tag verwendete er darauf, überhaupt erst festzustellen, dass es sie gab, die Minuten. Herr Wurst sah auf die Uhr. Das tat er häufig, aber er hatte festgestellt, dass das normal zu sein schien. Immerhin war ja alles danach gerichtet, nach der Uhr, nach der Zeit, nach der Uhrzeit. Irgendwie wie in der Urzeit. Oder auch nicht. Termingerecht verursachte er eine stilsichere Katastrophe, die er Frisur nannte und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
Er sah auf die Uhr und stellte fest, dass sein Bus – Herr Wurst war Liebhaber öffentlicher Verkehrsmittel – erst in einigen Minuten käme. Was sollte Herr Wurst in dieser Zeit tun? Was konnte er machen, um zu verhindern, dass seine Zeit unwiederbringlich verlorenging. Konnte er sie konservieren? Wenn ja, wie sollte er das bewerkstelligen? Herr Wurst dachte nach. Einige Minuten. Da kam der Bus. Seine Zeit war unwiderbringlich verloren. Schlauer war er nicht.
Herr Wurst saß nun also da in seinem öffentlichen Verkehrsmittel und verschränkte die Arme.
Pah, so eine Scheiße. Ich möchte meine Zeit zurück. Ich möchte meine Zeit zurück!
Herr Wurst wollte am liebsten zeitreisen. Manchmal. Viele Dinge, die er als im allgemeinen Sinne ungerecht empfand, hatte er im Laufe der letzten Wochen, Monate, Jahre und Dekaden ertragen müssen. Allzugern sah er sich als Opfer der Umstände. Angefangen hatte das mit seinem Namen. Aldemar Wurst. Waldemar Urst? Nein, wirklich: Er hieß Aldemar Wurst. Ironischerweise entschieden sich seine Eltern, ihm auch noch einen zweiten Vornamen zu verpassen. Vielleicht hassten sie ihn schon bei seiner Geburt. Sie entschieden sich für Welf. Aldemar Welf Wurst. Hört sich ein wenig nach missgeborenem Hund an. Nach missgeborenem, hässlichem Hund. Verarbeitet zu Wurst.
Herr Wurst kam an. Nein, falsch, der Bus kam an und Herr Wurst war zufällig Teil dieses Transports. Während er innerlich furchtbar zornig war – der Umstände wegen, denn sie waren wirklich ungerecht – entstieg er dem hochmodernen Gefährt, welches sogar über Reifen verfügte und ging schnurstracks auf das Gebäude seines Arbeitgebers zu. Immerhin war er Metzger. Seine Eltern hatten ihn damals dazu gedrängt, diesen Beruf zu wählen. Sein Vater war Manager bei einem großen Autokonzern. Aber das war ja wurst, äh wurscht.
Welf Wurst. Aldemar Welf Wurst. Aldemar Wurst. Um es abzukürzen: Wurst war den ganzen Tag sauer. Auf sich selbst und auf andere. Und er ärgerte sich über alles. Über jeden. Er drohte zu platzen. Jeder kennt es: Wenn die Weißwurst platzt, ist das schon ärgerlich, aber wenn es Welf Wurst ist, dann ist alles noch viel schlimmer. Also platzte er. Ohne jeden Grund. Das hatte er irgendwann mal beschlossen. Es war einfach an der Zeit, das Platzen durchzuziehen. Und entgegen allen Erwartungen gab es keine Sauerei. Er platzte völlig sauber.
Wir werden dich vermissen, Welf Wurst. Aldemar Welf Wurst.
Furchtbarer Tag.
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